Zukunftsschutzgebiet
Stadtraum

4 Tracks & 4 Fälle

TRACK 1

Lebensqualität und Gemeinwohl

#Gemeinwohl

Unter welchen Umständen bietet eine Stadt die größtmögliche Lebensqualität für alle Bewohner:innen? Zwischen den unzähligen Eigeninteressen, die hier auf engstem Raum zusammenkommen, und dem übergeordneten Gemeininteresse besteht augenscheinlich ein Spannungsverhältnis. Durch das reine Streben nach subjektiver Lebensqualität gerät die Entwicklung der stadträumlichen Gesamtqualität aus dem Fokus.

Um herauszufinden, was ein tragfähiges Gemeinwohl ausmacht, sind wir alle gefragt, unsere Komfortzone die Bequemlichkeit der individuellen Bubble – zu verlassen und den Stadtraum als gemeinsame Aktionsfläche zu begreifen. Wie lässt sich durch Begegnung und demokratische Aushandlungsprozesse eine kollektive Vision für eine gemeinwohlorientierte Stadt erarbeiten?


TRACK 2

Engagement und Mitgestaltung

#Koproduktion

Wie kann Engagement als Ressource begriffen werden, die kommunalen Interessen und Planungsverfahren auf Augenhöhe begegnet? Solange weitreichende Beschlüsse zur Stadtentwicklung fern der breiten Öffentlichkeit getroffen werden, stellt sich die Frage nach ihrer Legitimität. Wenn zivilgesellschaftliche Selbstorganisation auf die Entscheidungsgewalt der repräsentativen Demokratie trifft, stehen sich ungleiche Formen im Umgang mit Gemeinschaft gegenüber.  

Wir alle sind gefragt, koproduktive Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln und einen Austausch anzustoßen. So lässt sich herausfinden, welchen gestalterischen Beitrag jede:r leisten kann. Die städtische Gemeinschaft hat ein Recht auf Transparenz im Planungsprozess und einen Anspruch auf Teilhabe. Wie kann der Wille zur Partizipation den Weg zu gerechten Entscheidungsverfahren ebnen, um Stadt der Zukunft zum Gemeinschaftswerk zu machen?

TRACK 3

Boden und Eigentum

#Bodenpolitik

Wem gehört die Stadt und nach welchen Kriterien wird über die Vergabe von Flächen entschieden? Der freie Markt allein sorgt nicht für eine gerechte Verteilung des Bodens als räumliche Grundlage städtischen Lebens. Die letzten Freiflächen gehen an den meistbietenden Konzern, solange die Politik nicht steuernd eingreift. Eigentum bietet eine große Freiheit, bringt aber genauso Pflichten mit sich, derer sich Eigentümer:innen bewusst sein müssen.

In rasant wachsenden Städten steigt der Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum genauso wie das Interesse nach Gemeinschaftsflächen. Es wird eng in der Stadt. Wir alle sind davon betroffen, wenn mit einem begrenzten Gut maximale Renditen erwirtschaftet werden. Wie lässt sich also im Hinblick auf den umkämpften Stadtraum eine funktionierende bodenpolitische Grundlage für gerechte Verteilung einrichten?


TRACK 4

Planen und Bauen

#Baukultur

Wie lässt sich eine bewegliche Stadtplanung verwirklichen, die jederzeit auf Unplanbares reagieren kann? Wo starre Bauleitplanverfahren an ihre Grenzen stoßen, sorgen Bürgerinitiativen für neue und flexible Stadtbausteine.

In zukunftsorientierten Entwicklungsprozessen trifft planerisches Wissen auf die Erfahrung lokaler Stadtmacher:innen, wodurch sich inklusive Stadtentwicklung realisieren lässt. Wir alle sind gefragt, uns diese Handlungsräume anzueignen: Nutzungskonzepte aufbauen, die nicht nur auf ökonomische Kennzahlen beschränkt sind, sondern eine gemeinwohlorientierte Baukultur stärken. Wie lässt sich also eine Brücke zwischen formeller Stadtplanung und informellen Konzepten schlagen, welche die Vision der Zukunftsschutzgebiete voranbringt?



4 brandaktuelle Fälle Dresdner Stadtentwicklung

1 Leipziger Bahnhof, 2 Neustädter Markt, 3 Robotron-Kantine, 4 Plattenwerks-Areal

1 Leipziger Bahnhof, 2 Neustädter Markt, 3 Robotron-Kantine, 4 Plattenwerks-Areal


FALL 1

Leipziger Bahnhof


14 Hektar mitten in der Stadt – der älteste Fernbahnhof Kontinental-Europas. Leer, überwuchert und im Besitz der Globus Warenhaus Holding. Hier sollte planmäßig ein Mega-Markt entstehen. Nach weitreichenden Protesten liegt das Projekt derzeit auf Eis. Einen Bebauungsplan gibt es nicht – die Stadt sucht nach einer Ausweichfläche für Globus und stößt gleichzeitig den Beteiligungsprozess »Kooperative Stadtentwicklung Leipziger Vorstadt« an. Eine Bürgerinitiative wirbt für Wohnraum und gemeinwohlorientierte Entwicklung des Geländes. Künstler, Gewerbe und Wagenplatz, die sich in Zwischennutzungen befinden, schauen in eine ungewisse Zukunft.


FALL 2

Neustädter Markt

Der starke August und sein Pferd glänzen wie eh und je. Rundherum gibt es jedoch städtebaulichen Nachholbedarf. Der Neustädter Markt ist zentraler Zankapfel für die Menschen dieser Stadt. Ein Narrenhäusel oder doch keins? Nach dem zugeschütteten Tunnel, jetzt eine autofreundliche Überbauung? Hier stehen sich prunkvolle Barockfassaden und sozialistische Promenadenbauten gegenüber. Bleibt da noch Platz für moderne Architektur? Das Dresdner Stadtplanungsamt organisierte einen Beteiligungsprozess, der weit über das Mindestmaß hinausgeht. Doch nach wie vor fühlen sich Menschen nicht mitgenommen. Grund genug, sich das mal genauer anzuschauen.


FALL 3

Robotron-Kantine

Das Überbleibsel der DDR-Computerproduktion ist zwar offiziell »nicht schutzwürdig«, das öffentliche Interesse am Gebäude aber groß. Ein städtisches Museum und ein Zusammenschluss aus Wissenschaft und Kreativwirtschaft haben sich verbündet, um den Standort für die Gesellschaft zugänglich zu machen. Rundherum entsteht ein ganzes Viertel neu: Ein einziger Investor baut über 3000 Wohnungen. Die Gründung des Kombinats Robotron jährt sich in diesen Tagen zum 50. Mal, während der Stadtrat entscheidet, wie der zukünftige dritte Ort aussehen soll – Wiese oder Volkskantine?


FALL 4

Plattenwerks-Areal

Fotos: Carl Ahner

Fotos: Carl Ahner


Wo einst aus Kriegsschutt Platten für den Hochhausbau hergestellt wurden, befand sich bis Ende 2018 das informelle Zentrum der Johannstadt: Rodelhügel, Skatepark und weitläufige Wiesen. Mittlerweile wurde das Gelände »glattgezogen« – übrig bleibt eine riesige Brache inmitten der Stadt. Hier scheint alles möglich, zumal fürs Erste nicht gebaut wird. Zur Raumkonferenz erobert sich die pulsierende Zivilgesellschaft der Johannstadt die Fläche zurück und lädt zum Mitmachen ein.